Aedan Ríoghain
Wo einst ein alter Steinpfad den Wald verließ und das Land sich öffnete, lebte ein Mann, den viele kannten und doch nur wenige wirklich verstanden. Sein Name war Aedan Ríoghain. Man nannte ihn den Hüter des Randes, weil er zwischen zwei Welten lebte und zu keiner ganz gehörte.
Sein Zuhause war ein einzelnes Langhaus am südlichen Rand des Hains von Druim na Seach. Kein Dorf lag in seiner Nähe und keine schützende Mauer umgab es. Hinter dem Haus begann der Wald, vor ihm erstreckte sich das offene Land. Wer aus den Hügeln von Magh Riabhach kam, sah oft zuerst den Rauch aus seinem Schornstein, lange bevor andere Zeichen menschlichen Lebens zu erkennen waren. Diese Gegend war ein Übergangsland. Felder gingen in Wiesen über, Wiesen in Gehölz und schließlich begann der alte Wald, der älter war als die meisten Geschichten, die man über ihn erzählte.
Aedan war Waldhirte und Grenzwächter. Er hütete keine Grenzen aus Stein und führte seine Waffen nicht, um Macht zu zeigen, sondern seine Aufgabe war Aufmerksamkeit. Er kannte die Wege, die andere mieden und wusste, wann eine Spur im feuchten Boden nicht von einem Tier stammte. Und er hörte den Wind in den Bäumen und erkannte an seinem Klang, ob etwas nicht stimmte.
Manchmal überbrachte er Nachrichten der Druiden, wenn Worte nicht offen durch den Wald getragen werden durften. Dabei ging er schweigend seinen Weg, erfüllte seine Aufgabe und kehrte zurück, ohne Fragen zu stellen. Er wusste, dass manche Dinge nicht erklärt werden wollten.
Von seiner Familie war Aedan der Letzte. Sein Vater war in einem Grenzkonflikt gefallen, lange bevor Aedan alt genug gewesen war, um selbst ein Schwert zu tragen. Und seine Mutter verschwand im Wald, als er noch ein Kind war. Die Menschen sagten, sie sei vom Hain gerufen worden. Was das bedeutete, wusste niemand genau. Der Satz erklärte wenig und ließ vieles offen.
Aedan sprach kaum darüber. Doch manchmal, wenn der Nebel tief zwischen den Bäumen hing, blieb er stehen und blickte lange in den Wald, als lausche er einer Stimme, die nur er allein hören konnte.
Er war ein eher stiller Mann. Er sprach wenig und hörte dafür umso genauer zu. Wenn andere hastig urteilten, wartete Aedan ab. Für ihn gab es keine Zufälle. Jedes Rascheln, jede Veränderung im Licht und jede unerwartete Begegnung konnte ein Zeichen sein. Zeichen zeigten sich nicht laut, also musste man bereit sein, sie zu erkennen.
Sein Äußeres passte zu dem Leben, das er führte. Er war von mittlerer Größe, kräftig gebaut und an Wind und Wetter gewöhnt. Sein Gesicht war markant und von Regen und Sonne gezeichnet. Ein kurzer Bart umrahmte seine Züge. Sein dunkelbraunes Haar fiel unordentlich über die Stirn und erste graue Strähnen zeigten, dass er viele Jahre in dieser Landschaft verbracht hatte.
Besonders waren seine Augen. Sie waren hell, grau oder graugrün und im Zwielicht wirkten sie fast silbern, als würden sie mehr spiegeln als nur das Licht.
Aedan trug Kleidung in gedämpften Farben. Grau, Braun und Moosgrün bestimmten sein Erscheinungsbild. Das Leder seiner Kleidung war weich geworden vom täglichen Gebrauch. Ein Fellkragen schützte ihn vor Kälte und Regen. Nichts an ihm wirkte prunkvoll, doch alles hatte seinen Zweck.
In den umliegenden Siedlungen war Aedan bekannt. Man misstraute ihm nicht, aber man hielt Abstand. Er war kein Anführer und niemand folgte ihm aus Pflicht oder Schwur. Doch wenn Aedan warnte, hörte man zu. Denn er sprach nur dann, wenn es nötig war. Und wenn er sagte, dass sich etwas veränderte, dann wusste man, dass diese Veränderung bereits begonnen hatte.
Am rätselhaftesten war das stillschweigende Privileg, das ihm gewährt wurde. Aedan durfte den Hain betreten, ohne dass die Druiden ihn aufhielten. Niemand erklärte ihm warum und niemand stellte es infrage. Es war einfach so. Manche sahen darin ein Zeichen von Vertrauen. Andere glaubten, es sei eine Bürde, deren Gewicht nur Aedan selbst tragen konnte. Vielleicht war es beides. Denn wer zwischen den Welten lebt, trägt nicht nur Verantwortung, sondern auch die Last, zu erkennen, wann das Gleichgewicht zu kippen droht.
Es geschah in einer Nacht, in der der Wald ungewöhnlich still war. Kein Wind bewegte die Zweige, kein Tier ließ sich hören und selbst der gewohnte, ferne Ruf eines Kauzes blieb aus.
Aedan kannte diese Stille. Er hatte sie schon einmal erlebt, als Kind, kurz bevor seine Mutter im Wald verschwand. Damals hatte er nicht verstanden, was sie bedeutete, darum blieb er jetzt bedächtig stehen.
Der Hain von Druim na Seach lag vor ihm. Er wirkte dunkler als sonst, doch der Pfad schien heller zu sein, als würde das Licht aus dem Boden selbst steigen. Aedan zögerte nicht. Er trat ein, ohne gerufen zu werden und ohne Widerstand zu spüren. Kein Druide stellte sich ihm in den Weg und kein Zeichen warnte ihn.
Je weiter er ging, desto dichter wurde der Nebel. Er legte sich um seine Beine, kroch an seinem Mantel empor und dämpfte jeden Laut. Aedan hörte nur noch seinen eigenen Atem, ruhig und gleichmäßig. Dann blieb er stehen, denn vor ihm öffnete sich eine Lichtung.
Zwischen alten Steinen, die im Kreis lagen und von Moos überwachsen waren, stand eine Gestalt. Sie war ganz in Weiß gehüllt, doch es war kein Stoff, wie Aedan ihn kannte. Das Licht schien durch ihr Gewand hindurch, als bestünde es aus Nebel und Mondschein zugleich. Ihr Haar fiel wie fließendes Silber über ihre Schultern, bewegt von einem Wind, den es sonst nicht gab.
Ihre Augen waren hell und tief. Sie wirkten weder streng noch freundlich, sondern wissend. Sie sagte zunächst nichts, dennoch hatte Aedan das Gefühl, als würde alles in ihm gehört werden. Seine Gedanken, seine Zweifel und seine Erinnerungen lagen offen vor ihr.
Als sie sprach, bewegten sich ihre Lippen kaum, trotzdem hallte ihre Stimme klar in Aedans Innerem, als hätte sie den Weg dorthin schon lange gekannt.
Aedan sank auf ein Knie, ohne darüber nachzudenken. Nicht aus Furcht oder aus Ehrfurcht. Nein, es war, als hätte sein Körper diese Bewegung schon immer gekannt.
Die Weiße Frau sah ihn an. „Du spürst es, darum bist du gekommen.“
Aedan schluckte. „Ich spüre vieles. Der Wald verändert sich. Die Menschen auch. Aber das hier ist größer als ich.“
Sie blieb ruhig vor ihm stehen. „Ja. Das ist es.“
Sie trat einen Schritt näher. Das Licht um sie herum wurde nicht heller, sondern tiefer, als würde es an Gewicht gewinnen. „Das Gleichgewicht ist beschädigt, nicht erst seit kurzem und auch nicht erst seit wenigen Jahren, sondern es geschah langsam und über viele Generationen hinweg.“
Aedan hob den Blick. „Maelcor.“
Ein kaum sichtbares Nicken folgte. „Maelcor Dúnraith war einst Hüter. Er war würdig und er war stark.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Aber nun ist er es nicht mehr!“
Aedan ballte die Hände. „Man sagt, er schützt die Menschen noch immer.“
Ihre Augen verloren nichts von ihrer Klarheit. „Er schützt, was er für schützenswert hält und er zerstört, was sich seinem Willen widersetzt. Er nennt es Ordnung, doch in Wahrheit ist es Kontrolle.“
Aedans Stimme blieb leise. „Er ist auch nur ein Mensch.“
Ohne Zögern trat sie einen Schritt näher. „Genau das ist das Problem! Die Magie fließt nicht mehr um ihn herum, sondern sie ist an ihn gebunden. Er hält sie fest und glaubt, ohne ihn könne die Welt nicht bestehen. Und je länger er das glaubt, desto mehr wird es wahr.“
Aedan schüttelte den Kopf. „Dann wähle jemand anderen, einen Druiden, einen, der besser geeignet ist...“
Der Wald schien den Atem anzuhalten. „Ich habe gewählt... Und zwar dich, Aedan Ríoghain!“
Aedan lachte kurz auf, es klang hart und fremd. „Mich? Ich bin ein Waldhirte, ein Grenzwächter... Ich trage Botschaften und keine Kronen.“
Sie musterte ihn lange. „Du trägst Aufmerksamkeit, außerdem Geduld und das richtige Maß.“
„Das macht mich nicht besonders.“
Ihre Stimme blieb ruhig. „Doch, es macht dich gefährlich für jene, die Macht begehren.“
Aedan trat einen Schritt zurück. „Ich will das nicht! Ich bin nicht geeignet! Ich bin nicht stark genug!“
Das Licht um sie herum erhellte sich. „Du bist stärker, als du glaubst! Und genau deshalb wirst du nicht allein Hüter sein.“
Er sah sie an. „Nicht allein?“
„Es wird sechs geben. Sechs Erwählte. Sechs Stimmen. Sechs Wege, die sich kreuzen und widersprechen werden. Damit kein Einzelner je wieder glaubt, unersetzlich zu sein.“
Sie schwieg einen Moment. „Du wärst fähig, allein zu tragen, was andere zerbrechen würde. Einer alleinigen Hüterschaft wärst du würdig gewesen. Würdiger noch als Maelcor einst, doch die Vergangenheit hat gezeigt, dass selbst der Stärkste sich verändert, wenn er zu lange allein entscheidet.“ Aedan schwieg.
„Du wirst zweifeln, du wirst widersprechen und du wirst Fehler machen.“
„Das klingt nicht nach einer Empfehlung.“
„Es ist eine Notwendigkeit.“
„Und wenn ich ablehne?“
Die Weiße Frau trat näher und das Licht um sie herum fühlte sich warm an. „Dann wird das Gleichgewicht weiter kippen und Maelcor wird nicht gestoppt.“
Aedan schloss die Augen. Bilder von brennenden Zeichen, verzerrten Zaubern und Menschen, die sich vor etwas verneigten, das sie nicht mehr verstanden, zogen an ihm vorbei. Als er die Augen wieder öffnete, wusste er, dass seine Antwort längst feststand.
„Und was geschieht jetzt?“
„Ich werde dich rufen und auch die anderen Fünf, jeden zu seiner Zeit und jeden auf seinem Weg. Wenn ihr bereit seid, wird sich zeigen, ob das Gleichgewicht gerettet werden kann.“
„Und wenn nicht?“
Sie blieb stehen. „Dann wird die Welt ertragen müssen, was geschieht, wenn niemand mehr über die Magie wacht.“
Als sie verschwand, blieb kein Licht zurück und der Wald nahm den Klang ihres Verschwindens auf, als hätte er ihn schon erwartet. Nebel und Stille kehrten zurück, doch sie fühlten sich nicht mehr leer an, sondern gespannt, als hielte der Hain den Atem an. Aedan blieb noch einen Moment reglos stehen, weil sein Körper langsamer begriff als sein Geist, dass die Begegnung vorüber war. Erst als die Kälte wieder in seine Finger kroch und der Boden unter seinen Füßen feucht und wirklich wurde, richtete er sich auf.
Der Kreis aus Steinen lag unverändert vor ihm, alt und schweigend wie zuvor, doch Aedan wusste, dass nichts mehr war wie zuvor. Der Hain hatte gesprochen, nicht in Zeichen oder Warnungen, sondern in einer Wahrheit, die schwerer wog als jede Last, die er bisher getragen hatte. Er strich mit der Hand über den Fellkragen seines Mantels, nicht um sich zu wärmen, sondern um sich zu vergewissern, dass er noch derselbe war, der den Pfad betreten hatte.
Als er den Rückweg antrat, wich der Nebel langsam zurück, als gebe er den Pfad nur widerwillig frei. Die Bäume standen dicht und unbeweglich, doch Aedan spürte ihre Aufmerksamkeit. Nicht feindlich oder einladend, sondern prüfend. Jeder Schritt schien gezählt und jede Bewegung Teil eines größeren Zusammenhangs zu sein, den er erst zu begreifen begann.
Die Stille begleitete ihn bis an den Rand des Hains. Erst dort, wo der alte Steinpfad wieder in offenes Land überging, hörte er ein fernes Rascheln, dann den Ruf eines Vogels, der zögerlich einsetzte, als müsse er sich erst vergewissern, dass die Welt noch Bestand hatte. Aedan blieb stehen und blickte zurück. Der Hain lag nun dunkel und verschlossen hinter ihm, als hätte er ihn nie eingelassen.
Der Weg zu seinem Langhaus kam ihm länger vor als sonst. Nicht weil sich die Landschaft verändert hatte, sondern weil jeder Gedanke schwerer wog als der Schritt, der ihn trug. Die Worte der Weißen Frau hallten in ihm nach, nicht laut, sondern beharrlich und mit ihnen die Erkenntnis, dass sein bisheriges Leben an eine Grenze geführt hatte, die nicht aus Steinen oder Bäumen bestand.
Als er schließlich den Rauch aus seinem Schornstein sah, verspürte er keine Erleichterung. Das Haus war noch da, der Ort, an dem er geschlafen, gegessen und geschwiegen hatte, doch er wusste, dass es ihn nicht mehr halten würde wie zuvor. Er trat ein, legte Mantel und Stiefel ab und setzte sich an den groben Holztisch, an dem er so viele Nächte verbracht hatte. Das Feuer im Herd war fast erloschen, nur ein schwacher Schein glomm noch unter der Asche.
Aedan schürte die Glut nicht. Er saß still und ließ zu, dass die Bilder wiederkamen. Maelcor, gebunden an eine Macht, die nicht mehr floss. Eine Welt, die sich an einen Menschen geklammert hatte. Sechs Wege, die sich kreuzen und widersprechen sollten, damit keiner von ihnen je wieder allein entschied. Und er selbst, ein Waldhirte am Rand der Dinge, der nun Teil eines Gefüges werden sollte, das größer war als alles, was er kannte.
Als der Morgen graute, hatte Aedan keine Entscheidung getroffen, doch er wusste, dass sie längst gefallen war. Er trat hinaus, atmete die kalte Luft ein und blickte über das Übergangsland, in dem Felder, Wiesen und Wald ineinandergriffen. Genau hier hatte er immer gestanden, zwischen dem einen und dem anderen, ohne ganz dazuzugehören. Nun begriff er, dass dies kein Zufall gewesen war.
Er wusste nicht, wann der Ruf kommen würde und auch nicht, wen er als Nächstes erreichen würde, doch er wusste, dass der Pfad, den er betreten hatte, kein einzelner Weg war, sondern der Beginn von vielen, die sich schneiden und reiben mussten, damit die Magie wieder fließen konnte. Und während die Sonne langsam über den Horizont stieg, ahnte Aedan, dass dies erst der Anfang war.

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